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Ein unbekannter Bekannter:   "Cichlasoma" urophthalmus Günther, 1862  

von Uwe Werner     

  

Seit zehn Jahren etwa beschäftige ich mich intensiv mit den Buntbarschen Mittelamerikas, habe diese Landbrücke wiederholt mit meinen Freunden "in piscibus". bereist und gezielt nach Cichliden gesucht. Nicht zuletzt deshalb wissen wir heute schon recht viel über diese Fische, von denen die meisten noch gegen Ende der 70er Jahre nahezu unbekannt waren. Aber noch bleibt viel zu tun: Mit neuen Erkenntnissen stellen sich neue Fragen, und viele davon lassen sich nur " vor Ort" klären, so kommt es, daß es mich immer wieder nach Zentralamerika lockt, weil in dieser oder jener Region noch keine Bestandsaufnahme erfolgt ist oder weil das eine oder andere Gebiet erneut - vielleicht sogar zum dritten oder vierten Mal bereist werden "muß", um die dortige Buntbarschfauna genauer zu untersuchen. In vielen Fällen sind unsere Kenntnisse recht oberflächlich. Das gilt auch für "Cichlasoma" urophthalmus (Günther, 1862), den "Großen Schwanzfleckbuntbarsch", für den Heros troscheli Steindachner , 1867 wohl ein Synonym ist und den wir seit mehreren Jahren als Aquarienfisch pflegen, zu kennen glauben und auch nachgezüchtet haben. Woher allerdings diese Tiere ursprünglich zu uns eingeführt worden sind, weiß heute niemand mehr.

Nun wird man vielleicht einwenden, daß die genaue Herkunft doch keine Rolle spiele: Hauptsache, die Art ist richtig identifiziert. Dies mag im Zusammenhang mit anderen Aquarienfischen durchaus zutreffen, doch bei "C." urophthalmus liegen die Dinge anders. Von dieser Art sind nämlich in den Jahren 1935 bis 1938 von Hubbs nicht weniger als elf Unterarten beschrieben worden, die hinsichtlich der Körperform, der Flossen, der Bezahnung und der Färbung beträchtlich voneinander abweichen. Und damit gewinnt die Frage, woher die bei uns gepflegten "C." urophthalmus stammen, natürlich an Wichtigkeit.

Man kann das "Problem" aber auch von der anderen Seite her angehen und gleich zur Typuslokalität der Nominatform, also zum Peten-See in Guatemala, fahren, um auf diese Weise festzustellen, wie die ursprünglich als Heros urophthalmus beschriehenen Fische aussehen. Entsprechende Pläne habe ich, begleitet von H.G. Breidohr und unseren Frauen, 1985 in die Tat umgesetzt und überrascht festgestellt, daß im Peten- See ganz andere "C." urophthahmus schwimmen als jene, die wir in unseren Aquarien pflegen.

 

Der Körper dieser "C," urophthalmus ist seitlich stärker zusammengedrückt mit breit vorgezogener, spitzer Schnauze und vorstehendem Unterkiefer. Auf den ersten Blick, vor allem wenn man sie unter Wasser oder durch die Wasseroberfläche betrachtet, erinnert ihre Form an Petenia splendida, einen noch extremer gebauten, ja, den höchstspezialisierten fischfressenden Cichliden Mittelamerikas. Von der Farbe her haben die im Peten-See beheimateten Schwanzfleckbuntbarsche, also "Cichlasoma" urophthalmus urophthalmus, allerdings wenig zu bieten. Dies gilt nicht nur für am See gefangene Exemplare, sondern auch für im Aquarium aufgezogene, mitgebrachte Jungtiere. Männchen sind in der Normalfärbung schmutzig gelb oder grünlich, mit einem blaßroten Schimmer und schmalen, grau-grünen Binden und einem bläulichen Anflug in den Flossen und am Rücken. Die Weibchen sind wesentlich gelber mit graugrünen Flossen und - zumindest während der Brutpflege - am Rücken stärker ausgeprägten, keilrörmigen Vertikalbinden. In der Rückenflosse tragen sie einen dunklen Fleck. Der Schwanzfleck ist bei beiden Geschlechtern klein, auf den oberen Bereich der Schwanzwurzel beschränkt und mit einem schmalen weißen Saum umgeben.

Das Auge funkelt gelb oder orange. Haltung und Zucht der mitgebrachten Wildfangtiere bereiteten keine Schwierigkeiten. Die Karbonathärte im Peten-See liegt bei 4, die Gesamthärte bei 12 Grad, der pH - Wert bei 7,5 bis 8. Die Temperaturen sind (zumindest in der Trockenzeit) hoch, schwanken aber je nach Wassertiefe zwischen 29 und 34 Grad C. Weit hübscher gefärbte "C." urophthalmus fand ich auf Mexiko Reisen der Jahre 1983, 1987 und 1989 in Einzugsgebiet des Grijalva (genauer gesagt nördlich und nordwestlich von Pichucalco und bei Macuspana), im System des Rio Tonala (Rio Playas, Rio Tancochapa, Laguna Rosario) und im oberen Coatzacoalcos (Rio Nanchital). Im Tonala-Einzug suchten wir ganz gezielt nach dieser Art, weil wir bei einem einheimischen Fischer erwachsene Exemplare gesehen hatten, die durch eine intensive Rotfärbung, lackschwarze Bänder und Flecken und einen schneeweißen Fleckensaum um den Schwanzfleck bestachen. Fündig wurden wir in ruhigen Restwassertümpeln mit verkrauteten Ufern, Sand- oder Schlammboden, vielen Pflanzen und Schwimmpflanzen und warmem Wasser ( um 30 Grad C) , in denen es auch von anderen Fischen nur so wimmelte. Entsprechende Gewässer, die wenig oder gar nicht mehr fließen und häufig trüb sind, scheinen die bevorzugten Aufenthaltsorte von "C." urophthalmus zu sein. Dafür sprechen nicht nur Fundortbeschreibungen aus der Literatur, sondern auch die Gegebenheiten am Rio Candelaria, am Peten-See und an der in Richtung Rio San Pedro gelegenen Laguna Sacpuy, wo es weite Flachwasserbereiche gibt, deren schlammiger Grund mit Seerosen und Sumpfpflanzen bewachsen ist. Bleiben wir noch einen Moment bei unseren "roten" Schwanzfleckbuntbarschen aus Südmexiko. Die schon genannten Fundorte liegen zum größten Teil im Bundesstaat Tabasco, von wo - wenn auch aus dem Usumacinta - "C."urophthalmus alborum beschrieben worden ist. Der Unterartname bezieht sich auf den weiß gerandeten Schwanzfleck und setzt sich aus dem lateinischen albus (weiß) und ora (Rand) zusammen. Nach unserem jetzigen Wissensstand sieht es so aus, als reiche das Verbreitungsgebiet dieser Unterart vom Usumacinta bis zum Coatzacoalcos.

Über die weiteren Unterarten ist wenig bekannt. Von "C." urophthalmus stenozonum wissen wir nur, daß die Körperbinden besonders schmal sind, kennen aber ihre Herkunft nicht. " Cichlasoma " urophthalmus trispilum aus dem Rio San Pedro de Martir , einem Zufluß zum Usumacinta, soll hochrückig sein und gar keine Binden, sondern wie schon der Artname sagt- lediglich drei Flecke zeigen, die auf dem Schwanzstiel liegen. Alle anderen Unterarten sind von der Halbinsel Yucatan beschrieben worden. Barbour und Cole berichten, daß die Art sogar in kleinen Wasserlöchern vorkomme, dort zwar nicht so groß werde wie an der Küste, aber hübscher gefärbt sei, Außerdem wird "C." urophthalmus, eben weil die Fische auch mit geringen Wassermengen auskommen und ausgesprochen gern Mückenlarven fressen, als ein wichtiger Helfer im Kampf gegen die Moskitoplage genannt,

 

Die schlanke Unterart "C." uropththalmus aguadae stammt aus einer Aguada (Wasserstelle) im inneren Callpeche, Ihre Körperbinden sind etwas breiter als die Zwischenräume, "Cichlasoma" urophthalmus cienagae ist hochrückig und wurde in brackigen (!) Cienegas (Teichen) bei Progreso an der Nordküste Yucatans gefunden. "Cichlasoma" urophthalmus almarum wurde aus einer brackigen oder gar salzigen (amarus = bitter) "Laguna" auf der Mujeres-Insel an der Nordostküste Yucatans beschrieben, soll besonders dunkel aussehen, kräftige Binden haben und kurz und plump (hoch) gebaut sein, Man sieht, es gibt von dieser Art auch sogenannte euryhaline Formen, die Brack- und Salzwasser besiedeln. die meisten Lokalformen sind aber reine Süßwasserfische, wenn sie auch, wie zum Beispiel in den Cenotes (Naturbrunnen) auf Yucatan, in recht hartem Wasser leben.

 

So stammt zum Beispiel "C." urophthalmus conchitae aus einem Wasserloch (Cenote) namens Conchita bei Merida, ist schlank und äußerst schmal gebändert. "Cichlasoma" urophthalmus zebra aus dem Xlaka Cenote nördlich von Merida soll, wie der Artname andeutet, besonders kräftig. gleichmäßig (und bis in die vertikalen Flossen hinein) gebändert sein. "Cichlasoma" urophthalmus mayorum, der "Schwanzfleckbuntbarsch" der Maya, lebt im Xtolok Cenote bei der Maya-Stadt Chichen-Itza und ist vergleichsweise dunkel und schlank. "Cichlasoma" urophthalmus ericymba ist gar eine Hühlenform mit deutlich vergrößerten Augen und Sinnesgruben, die im San Bulha Cenote bei Merida gefunden worden ist. In unserem Buch über die Buntbarsche der Neuen Welt - Mittelamerika haben Rainer Stawikowski und ich angedeutet, daß es uns wenig sinnvoll erscheint, solche Unterarten zu beschreiben, unter anderem weil man damit rechnen muß, daß es Übergangsformen gibt. Unterschiede im Körperbau können aber auch auf andere Lebensverhältnisse zurückgeführt werden. So vertraten etwa Evermann und Goldsborough schon 1902 die Meinung, daß man trotz des immer anderen Aussehens der einzelnen Populationen keine entscheidenden Strukturunterschiede feststellen kann, sondern daß die Farbunterschiede mit dem hier besseren, dort schlechteren, auf jeden Fall aber "anderen" Nahrungsangebot erklärt werden können. Hinzu kommt, daß moderne Autoren kaum noch Unterarten beschreiben und daß wir über das genaue Erscheinungsbild der meisten Lokalformen von "C." urophthalmus noch viel zu wenig wissen. Die Art ist ja auch in weiteren Gewässern Guatemalas, Belizes (vom äußersten Norden bis in den tiefen Süden des kleinen Küstenstaates) und in Honduras (auf der atlantischen Seite bis zum Rio-Ulua-Einzug) nachgewiesen. In der Universität von Costa Rica sind unter der Nummer 448-2 Exemplare hinterlegt, die sogar einer entlegenen Population von "C." urophthamhmus aus Nikaragua (Prinzapolka-Einzug) angehören sollen. (Ich wage aber zu bezweifeln, daß die Art so weit südlich vorkommt. Wahrscheinlich gehört das konservierte Material einer anderen Art an, oder die Herkunftangaben sind falsch.) Auf jeden Fall müßte die Liste der Unterarten, wenn sie einen Sinn haben soll, weiter ergänzt werden. Doch dafür will ich nicht plädieren, sondern andere Vorschläge machen.

Für uns Aquarianer sollten zwei Dinge im Vordergrund stehen: Zunächst geht es darum, die Fundorte mitgebrachter Fische bekanntzugeben und die Populationen durch Beschreibungen und Fotos zu charakterisieren. Ein zweites Anliegen sollte dann sein, klar unterschiedliche Populationen rein zu erhalten und nur mit Fundortangaben weiterzugeben, um einem Vermischen vorzubeugen. In ganz ähnlicher Weise verfahren wir ja schon seit geraumer Zeit mit anderen Buntbarschen; Beispiele sind "C." salvini, "C." longimamus, "C." septemfasciatum und "C." nigrofasciatum. Außerdem hat sich eine entsprechende Konsequenz auch im Umgang mit Buntbarschen bewährt, von denen wir noch nicht genau wissen, was Populationen und was gute Arten sind, wie das zum Beispiel bei bestimmten Thorichthys der Fall ist.

           

 Literatur    

Barbour, T., & L. J. Cole (1906):  Fishes from Yucatan. Bull. Mus. Comp. Zool. 50: 155 - 159.  

Conkel, D. (1989):  The Mayan Cichlids. TFH 38 (11): 96 ff.  

Evermann, B. W., & E. L. Goldsborough (1902):  A Report on Fishes in Mexico and Central America with Notes and Descriptions of Five New Species. Bull. U. S. Fish Comm. XXI: 137 - 158.  

Günther, A. (1862):  Cat. Fish. Brit. Mus. IV: 264 - 316.  

Hubbs, C. L. (1935):  Freshwater Fishes Collected in British Honduras and Guatemala. Misc. Publ. Univ. Michigan, Mus. Zool. 28: 4 ff.  

--- (1936):  Fishes of the Yucatan Peninsula. Carnegie Inst. Wash. Publ. 457: 157 - 288.  

--- (1938):  Fishes from the Caves of Yucatan. Carnegie Inst. Wash. Publ. 491: 261 - 295.  

Martin, M. (1972):  A Biographic Analysis of the Frehwater Fishes of Honduras. Univ. Microfilms Int. Ann Arbor, Mich. (Dissertation)  

Socolof, R. (1984):  Expedition to Quintana Roo and Rio Moho. FAMA (2): 46 ff., (3): 38 ff., (4): 30 ff., (5): 23 ff.  

Stawikowski, R., & U. Werner (1985):  Die Buntbarsche der neuen Welt - Mittelamerika. Essen.