
Buntbarschpflege 1923
von Uwe Werner
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Beim Blick in den Bücherschrank des Aquarienvereins Siegburg fielen sie mir auf -kleine, antiquarische Heftchen der "Bibliothek für Aquarien- und Terrarienkunde". Besonderes Interesse erweckte natürlich alles, was mit Buntbarschen zu tun hatte. Da gab es zum Beispiel eine Reihe über "Die Buntbarsche der Alten Welt" und "Die Buntbarsche der Neuen Welt". Wen wundert es, dass mir solche Titel bekannt vorkamen? Jedenfalls entschloss ich mich nach kurzer Leseprobe, einige der Heftchen mit nach Hause zu nehmen und nachzulesen, wie man nach dem ersten Weltkrieg über "meine" Lieblinge berichtete. Vieles fand ich von der Sprache, dem Inhalt und der Denkweise her so interessant und auch amüsant, dass ich einige grundlegende Hinweise zur Buntbarschpflege von P. Engmann auszugsweise unter Stichworten zusammengefasst habe und hoffe, dass der Leser diese Zeilen mit Begeisterung "verschlingen" wird.

Fütterung: "In bezug auf die Auswahl ihrer Nahrung sind sie durchaus nicht wählerisch, alle kleineren Wassertiere, die sie leicht bewältigen können, fallen ihnen zum Opfer. Im Aquarium bilden neben Regenwürmern, die man ihnen am besten in kleinere Stücke zerschnitten darreicht, Mücken und Käferlarven, Daphnien, Kaulquappen, auch Fliegen u. a. die Hauptnahrung, daneben erhalten sie noch rohes, geschabtes Rindfleisch, und wer es über sich gewinnt, ihnen ab und zu kleine Fischchen zu verfüttern, wird an der Fresslust seiner Pfleglinge die hellste Freude haben. Je nach der im Behälter vorhandenen Temperatur, bzw. je nach der höheren oder niederen Wärme, bei der man seine Tiere hält, ist die Aufnahme von Nahrung größer oder geringer, im Sommer, vor und während der Vermehrungsperiode am größten, sodass gerade in dieser Zeit der körperlich und seelisch höchsten Lebenstätigkeit die Fische niemals Mangel an Nahrung leiden dürfen, wenn die erhofften Zuchterfolge nicht in Frage gestellt werden sollen."

Beckengröße: "Man hält Cichliden in einem ihrer Größe entsprechenden, nicht zu kleinen Becken; zur Zucht, welche bei den meisten eingeführten Arten bei einiger Aufmerksamkeit seitens des Pflegers sicher zu erzielen ist, wähle man ein Becken von ca. 50 cm Länge und entsprechender Breite und Höhe, mit einem ungefähren Inhalte von etwa 40 I Wasser. Die in solchen Aquarien zur Zucht schreitenden Fische sollen ein Durchschnittsmaß von 8, höchstens 10 cm nicht überschreiten, ein größeres Paar bedarf aus später darzulegenden Gründen unbedingt eines größeren Beckens."

Durchlüftung und Pflanzen: "Ein weiteres Erfordernis, welches man leider nicht gut entbehren kann, da im Zuchtbecken eine zahlreiche Brut bald nicht mehr genügend Sauerstoff zum Atmen vorfindet, ist eine gut arbeitende Durchlüftungsanlage. Aus dem Bodengrunde wachsende Pflanzen, ausgenommen vielleicht stärkere Sumpfpflanzen und solche mit Schwimmblättern, etwa Nymphaeen, deren Standort man durch Auflegen größerer, flacher Steine vor dem Umwühlen schützt, werden entweder ausgehoben oder abgebissen und schwimmen dann als traurige Ueberreste einer besseren Zeit auf dem Wasserspiegel umher, so für den Pfleger einen höchst unerquicklichen Anblick bietend."
Mulm: "Die Mulmschicht besteht aus pflanzlichen und tierischen Rückständcn aller Art, hauptsächlich aus Überresten von Futter, den festen Exkrementen von Fischen und Schnecken, sowie aus abgestorbenen Pflanzenblättern. In dieser Mulmschicht lebt eine ganze Welt von Infusorien, von Kleintierchen aller Art, die für die Aufzucht von Jungfischen, die sich aus Eiern entwickeln, geradezu unentbehrlich sind. Diese Art erdiger oder schlammiger Bestandteile des Bodengrundes trüben im Falle ihrer Aufwühlung durch die Elternfische das Aquarienwasser nur kurze Zeit, sie setzen sich rasch wieder zu Boden und das Wasser behält seinen alten Glanz."

Wasserwechsel und Frischwasser: " Was gerade in bezug auf letzteren Punkt bei vielen "Liebhabern" gesündigt wird, davon hat man oft keinen Begriff. Es gibt noch heute eine Menge Fischfreunde, deren Fische regelmäßig jede Woche, im Sommer womöglich noch öfter, ihr "frisches Wasser" bekommen, natürlich zur warmen Jahreszeit sogar möglichst frisch, und die der festen Ueberzeugung sind, ihren Pfleglingen etwas Gutes zu tun. In gewissem Sinne mag ja diese Sorge um ihre Schutzbefohlenen bei einer Anzahl solcher Liebhaber ihre Berechtigung haben, weil ihre Aquarien zu allermeist außer etwas Sand als Bodenbelag höchstens einige "Muscheln" in Gestalt leerer Seeschneckenhäuser als "Schmuck" enthalten, aber im übrigen jeden Pflanzenwuchs entbehren. Gefüttert wird mit Ameisenpuppen, Oblaten, und vielleicht auch Fliegen und Wasserflöhen. Meist wird man solche Liebhaber in den Kreisen zu suchen haben, die infolge ihrer Erwerbsverhältnisse oder ihrer sozialen Stellung wegen wenig mit anderen, fortgeschrittenen Liebhabern in Berührung kommen. Hier ist es nun Pflicht jedes Einzelnen, aufklärend nach allen Richtungen zu wirken, man hat meist dankbare und aufmerksame Schüler vor sich. Bei diesen Liebhabern wird man auch vielfach unsere zählebigen Goldfische finden, die trotz der nach den Begriffen alter Liebhaber verkehrten Behandlungsweise, gar nicht so selten schon seit Jahren sich ihres Daseins in den engen Glasglocken erfreuen, aber ebenso oft ist mir schon begegnet, dass Chanchitos, Makropoden, unsere einheimischen Flussfische, als Gründlinge, Steinbeißer usw. die Gesellschaft vervollständigten. Erkundigte ich mich des Interesses wegen nach dem Befinden der Tiere, so hieß es oft ja, der Gestreifte hier lebt schon lange, die anderen sterben meist bald wieder, wir können uns gar nicht erklären, woran das liegt, wir geben doch immer frisches Wasser usw. Usw.

Dass das Absterben der Tiere mit auf dem Temperaturunterschiede zwischen frischem und altem Wasser und, weil Pflanzenwuchs fehlt, auf Mangel an Sauerstoff beruht, abgesehen von anderen Umständen, ist den Leuten zunächst meist nicht einleuchtend. "Da müßten doch die anderen auch schon lange tot sein erklären sie, ,aber gerade "der" hat sich gut gehalten."
Schnecken: "Posthorn-, sowie Deckel- und Schlammschnecken werden von den Fischen als willkommene Zuspeise betrachtet und auf oft raffinierte Art aus dem schützenden Gehäuse gezogen und gefressen. Noch öfter jedoch ist es der Fall, dass den Schnecken die Fühler abgebissen werden oder das sie andere schwere Verletzungen davontragen, wenn die Fische sie nicht aus den Gehäusen herausziehen können. Die Folge davon ist, dass die Schnecken mitunter tagelang sich im Wasser quälen, ehe sie infolge der empfindlichen Verletzungen eingehen und durch die Zersetzung ihres Körpers einen penetranten Geruch in ihrer Umgebung verbreiten. Ein bis zwei sich auf diese Weise zersetzende Leichen schaden zwar in einem naturgemäß mit Pflanzen besetzten Becken nichts, da die Pflanzen die Zersetzungsstoffe aufnehmen, doch bieten die leeren Gehäuseschalen in einem solchen Becken nicht gerade einen besonders angenehmen Anblick, man wird unwillkürlich an ein mit Leichen bedecktes Schlachtfeld erinnert."
Eigenschaften: "Fast alle Cichliden besitzen neben ihren so interessanten und anziehenden Eigenschaften der Brutpflege und hohen Intelligenz einen unausrottbaren, bei den verschiedenen Arten mehr oder weniger ausgeprägten Hang zum Raufen, sie sind oftmals streitsüchtig und händelsuchend bis zur Bissigkeit und Bösartigkeit."

Hochzeitskleid: "Das Farbenkleid des Pärchens hat um die Zeit der Fortpflanzung seinen Höhepunkt an Glanz und Schmelz der meist prächtig gefärbten Tiere erreicht. Wundervoll bunt und farbenreich ist das Bild, das dem Beschauer sich jetzt bietet, alles an den Fischen gleisst und glänzt. Farben, die man früher nur ahnen konnte oder noch gar nicht vorhanden waren, treten auf in den sattesten Tönen und fügen sich mit den anderen zu einem harmonischen Ganzen ein. Staunend erkennt man, wie die Liebe selbst so einfach gefärbte Geschöpfe zu verändern imstande ist. Wie im Bewußtsein ihrer Schönheit erscheint auch das Wesen der Tiere jetzt ganz verändert, sie schwimmen mit gespreizten Flossen ruck- und stoßweise umher, ihr vorhergehendes etwaiges Phlegma ist vollkommen von ihnen gewichen, kurz, man kennt seine Tiere kaum wieder, so sind dieselben verwandelt."
Brutpflege: "Dieser Abschnitt der Brutpflege bildet für den Liebhaber und Züchter den schönsten und erhebensten Zeitpunkt des ganzen Jahres und bietet eine stete Quelle reiner, idealer Freude, die ihn etwaige Misserfolge, welche nie ausbleiben und selbst alten, erfahrenen Liebhabern noch unterlaufen, schnell vergessen lassen. Nur ungern trennt sich der Beschauer von diesem lieblichen, harmonischen Bilde, bei dessen Anblick das Herz eines jeden Naturfreundes höher schlägt und das empfängliche Gemüter immer wieder anzieht. Geht der Tag zur Rüste und haben Alte und Junge ihr Tagewerk vollendet, so beziehen alle Kleinen ihre schützende Geburtsstätte, um sich mit der Sorglosigkeit der Jugend der nächtlichen Ruhe zu überlassen."

Fischväter: "Nicht ohne Absicht habe ich bereits im vorhergehenden Abschnitt vom Weibehen die Hauptrolle bei der Brutpflege spielen lassen, denn in 50 von 100 Fällen ist die Brutpflege des Männchens, oder die Beteiligung an derselben, nur eine mangelhafte zu nennen. Das Männchen versagt sogar oft gänzlich, so dass der Liebhaber, um den Erfolg einer Brut sicherzustellen, unweigerlich zur Entfernung des Männchens schreiten muß, sobald die Befruchtung des Laiches genügend gesichert ist. Die Beweggründe für diese mangelhafte Beteiligung an der Brutpflege sind verschiedener Art, m. E. sind sie zum Teil begründet in den räumlich zu eng begrenzten Behältern, wodurch die Fische gezwungenerweise in allzu großer gegenseitiger Nähe aufeinander angewiesen sind, während sie ihrem Naturell und den natürlichen Verhältnissen entsprechend sich in ungebundener Freiheit bewegen wollen und sicher auch während der Brutpflege, solange ein Teil pflegt, dies der andere Teil zu tun bestrebt ist. Diese engen Verhältnisse, denen der Liebhaber ja nur in den wenigsten Fällen Abhilfe zu schaffen vermag, bedingen, dass nach vollzogenem Laichgeschäft oft jedes der beiden Elterntiere bestrebt ist, die weitere Fürsorge für die kommende Brut zu übernehmen. Das Weibchen, der fast regelmäßig zuerst pflegende Teil, ist jedoch nicht geneigt, dem Willen des Männchens nachzugeben, wie letzteres gern möchte. Dieses kann sich nun anderweit nicht betätigen, es entspinnen sich Streitigkeiten, die sehr bald in Tätlichkeiten ausarten und, falls das Weibchen dem Männchen an Kräften nicht oder nur wenig nachsteht, wird das Männchen so bissig, bis jenes entweder nachzugeben gezwungen ist; oder derart zerbissen und zerfetzt sich vor dem Männchen zurückzieht, sodaß dieses an Stelle des Weibchens nunmehr die Pflege der Brut übernehmen kann. Nicht selten scheinen dies beim Männchen nur augenblickliche Launen zu sein, die bald in ihr Gegenteil umschlagen, d. h. ich habe bei mir selbst beobachtet und auch durch andere Liebhaber bestätigt gefunden, dass das Männchen nach der Verdrängung des Weibchens die Brut glatt auffrißt. Es mag daher beim Weibchen oftmals eine instinktmäßige Besorgnis dem Männchen gegenüber vorhanden sein, das lüsterne Männchen von der Brutstätte fernzuhalten. Ebenso häufig ist jedoch das Umgekehrte der Fall, nämlich, dass das Männchen nach erfolgreicher Befruchtung des Laiches sich absolut nicht mehr um die weitere Fürsorge für die von ihm gezeugte Generation kümmert, sondern alles seiner besseren Hälfte überlässt. In beiden Fällen ist, falls das Paar sich nicht wieder einigt, das Männchen als überflüssig zu entfernen, um die Brut nicht zu gefährden."
